Was Ehre bedeutet

Historisch und gegenwärtig finden sich weltweit ähnliche Vorstellungen von Ehre. Sie haben auch die europäische Geschichte geprägt, von der Welt Homers und der Römer über die mittelalterlichen Ritter bis hin zum neuzeitlichen Duell. Heute finden wir Ehrenvorstellungen vor allem in mediterranen Kulturen, im Nahen und Mittleren Osten, in Süditalien, Griechenland, Albanien, der Türkei, der Levante, Pakistan, Afghanistan, aber auch in Afrika und Ostasien. Trotz aller Unterschiede bestehen zwischen ihnen einige Gemeinsamkeiten.

Traditionelle Ehre lässt sich sehr einfach als “Anrecht auf Respekt“ definieren. Sie ist einerseits Teil des Selbstbildes (das Gefühl, dieses Anrecht zu haben) und andererseits ein sozialer Status (das Wissen der anderen um dieses Anrecht). Aber: Ehre kommt einen Menschen nicht von sich aus zu, sondern hängt immer ab von der Anerkennung durch eine bestimmte soziale Gruppe und von der Erfüllung der sozialen Normen, die von dieser Gruppe definiert werden – dem “Ehrenkodex”. Eine solche Gruppe kann eine Großfamilie, ein Clan, eine Dorfgemeinschaft, ein Stamm, eine ethnische oder religiöse Gruppe oder ein gesellschaftlicher Stand (zum Beispiel Adel, Rittertum, Militär) sein. Dieses Anrecht auf Respekt hat man stets nur in den Augen der jeweiligen Bezugsgruppe, die es einem zusprechen oder aberkennen kann: Ehre, die man nicht verlieren kann, ist keine Ehre. Es gilt, sie zu rechtfertigen und im Notfall selbst (!) zu verteidigen oder wiederherzustellen – Ehrenvorstellungen haben stets einen Hang zur Selbstjustiz. Entscheidend sind dabei allein die Normen und das Ansehen in der Bezugsgruppe, nicht staatliche Gesetze oder andere gesellschaftliche Konventionen.

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